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Nachrichten01.11.2009
Die «Pille danach» unter der Lupe
Verhütet sie «nur», oder treibt sie auch ab?

Zehntausende pro Jahr. Immer mehr Frauen in der Schweiz schlucken die «Pille danach». Über die genaue Wirkungsweise aber herrscht Ahnungslosigkeit. (Bild: Diego Cervo/ 123RF)

Kein «Arzneimittel». Die «Pille danach» kann die Einnistung verhindern und damit das bereits empfangene Kind töten. (Bild: AJ Photo/ Science Photo Library SPL/ Keystone)
Die «Pille danach» erlebt einen Nachfrageboom. In weiten Kreisen herrscht die Ansicht vor, das Hormonpräparat wirke nicht abtreibend. Aber ist dem wirklich so? Mamma.ch ist der Frage nachgegangen.
Seit 2002 ist die «Pille danach» unter dem Namen «NorLevo» bzw. «NorLevo Uno» in den Schweizer Apotheken rezeptfrei erhältlich. Der Verkauf ist seither sprunghaft angestiegen: Im ersten Jahr gingen knapp 8'000 Packungen über den Apothekertisch, 2007 bereits 78'500, und im Jahr 2008 stieg die Zahl auf 93'500 … Man könnte meinen, es gehe um eine harmlose Hustentablette. Doch NorLevo ist ein regelrechter «Hormon-Hammer». Der enthaltene Wirkstoff soll verhindern, dass sich im Bauch der Frau ein Kind entwickelt. Ob dabei unter Umständen nicht auch die Tötung eines bereits empfangenen Kindes in Kauf genommen wird?
VERHINDERTE EINNISTUNG. Die Weltgesundheitsorganisation WHO bzw. ihr «Büro Amerika» lässt wissen, eine Frau werde medizinisch dann als schwanger betrachtet, wenn sich eine befruchtete Eizelle in die Gebärmutter einniste – weil die befruchtete Eizelle erst dann zu einem Fötus heranwachsen könne. Auf die gleiche These stützt sich offenbar die Herstellerfirma von NorLevo. Frau Petra Müller, eine Sprecherin der Sandoz-Niederlassung in Cham, argumentiert im Gespräch mit Mamma-Info, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass NorLevo nach der Einnistung des befruchteten Eies in die Gebärmutterschleimhaut die Schwangerschaft nicht mehr verhindern oder schädigen könne. Deshalb wirke das Produkt nicht abtreibend: «Durch NorLevo wird die Einnistung eines befruchteten Eies verhindert», erklärt Frau Müller. «Ein Schwangerschaftsabbruch findet dann statt, wenn ein eingenistetes Ei abgetrieben wird. Zu diesem Zeitpunkt kann NorLevo nicht mehr eingreifen.»
EINE DEFINITIONSFRAGE? Auch die für NorLevo zuständige Sachbearbeiterin beim Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic, Frau Dr. Sandra Zaugg, verneint auf Anfrage vehement jegliche abtreibende Wirkung von NorLevo, da NorLevo lediglich «die Einnistung des Eies» verhindere.
Diese Äusserungen erwecken den Anschein, das Ganze laufe letztlich auf eine Definitionsfrage hinaus: Ab wann ist eine Frau «schwanger»? Ab wann ist der Mensch ein «Mensch»? Ab wann kann man von «Abtreibung» sprechen? Förderer und Profiteure der «Pille danach» bezeichnen die Frage nach dem Beginn des Menschseins gerne als Glaubensfrage, die mit der Medizin nichts zu tun habe. Doch die Wissenschaft lehrt seit langem, dass der Mensch niemals ein Mensch würde, wenn er es nicht von der Empfängnis an wäre. Alles andere ist willkürlich und ein Verdrehen von Sachverhalten.
«50%IG FRÜHABORTIV». Es gibt denn auch zahlreiche Fachpersonen, die bei der «Pille danach» von einer abtreibenden Wirkung sprechen. Dr. Martin Hermstrüwer beispielsweise, Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe am Hôpital du Jura bernois in Moutier, schreibt auf Anfrage, man könne sagen, dass die «Pille danach» zumindest in manchen Fällen abtreibend wirkt. Denn sie verhindere nicht immer die Befruchtung. «Manchmal kann diese stattfinden, aber dann verhindert diese Pille das Einnisten der Frucht in die Gebärmutterschleimhaut.» Dr. Walter Rella, Allgemeinmediziner aus Küb in Österreich, geht sogar von einer «ca. 50%ig frühabortiven Wirkung» aus. Dr. John Wilks, Pharma-Spezialist aus Australien, sandte Mamma-Info sein Manuskript eines längeren Vortrags zu, in dem er nicht nur wissenschaftlich begründet, weshalb die «Pille danach» auch abtreibend wirken kann, sondern in dem er ebenso aufzeigt, wie es durch sprachliche Verdrehungen dazu kam, dass heute fast alle glauben, das Menschsein beginne erst mit der Einnistung in die Gebärmutter. Zudem geht er auf die zahlreichen Nebenwirkungen des Hormonpräparates für die Frau ein.
EINE FAUSTREGEL. Frau Dr. med. Franziska Maurer, Chefärztin der Frauenklinik am Bürgerspital Solothurn und Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG), gibt im Gespräch mit Mamma-Info gleichsam eine Faustregel an die Hand: «Von dem Moment an, in dem ich irgend etwas gegen eine mögliche Schwangerschaft unternehme, muss es aus ethischer Sicht als eine abtreibende Massnahme betrachtet werden». Dieser Beurteilung schliesst sich der Verein Mamma an – wobei er sie eben nicht nur ethisch, sondern durchaus auch wissenschaftlich begründet wissen möchte. Denn der Mensch ist Mensch von allem Anfang an.
Neue «Pille danach»
Seit dem 1. Oktober 2009 ist in Frankreich, Deutschland und England eine neue «Pille danach» erhältlich. Anders als das bisherige Präparat «NorLevo» verfügt das neue, «ella» bzw. «ellaOne», über eine anhaltende Wirksamkeit, weshalb es zu einem noch späteren Zeitpunkt eingenommen werden kann. Zugelassen wurde es zur Einnahme bis 120 Stunden «danach» (NorLevo: 72 Stunden). Der neue Wirkstoff funktioniert ähnlich wie jener der Abtreibungspille «Mifegyne» («RU-486»). «ella ist eine weitere Etappe in der Banalisierung der Abtreibung», kritisiert denn auch der Arzt Xavier Mirabel, Präsident der französischen
«Lebensrechtsvereinigung». Ab 2010 soll «ella» europaweit ausgegeben werden.



